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Bericht vom ersten Besuch im freien Karl-Marx-Stadt

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Nun ist es doch geschehen, Oggersheim ist Hauptstadt der Sachsen geworden, die Wiedervereiniger aus Karl-Murx-Stadt haben gewonnen und ein Warten auf den Wohlstand beginnt. Demokratische Lethargie von Wahlen zu Wahlen hat die friedliche Revolution zum Stillstand gebracht, noch brodelt es leise unter der Oberfläche. Aber die Konterrevolution aus dem Kapitalismus finanziert auch den letzten Fortschritt tot.
Wie es so gekommen ist, kann keiner genau sagen, fing doch alles so gut an, waren doch alle so engagiert dabei, eigene demokratische Strukturen aufzubauen. Aber von Anfang an war die allgemeine Langweile, das Desinteresse, bzw. das alleinige Interesse an Bananen und Westmark zu bemerken.
Die westliche "Demokratie-Helfer", die so vollkommen uneigennützig die frisch der Tyrannei Entronnenen beschwatzen und übers Ohr hauten, jetzt sogar mit den vielen zurückgenommenen Versprechungen regelrecht betrogen haben, zumindestens um Hoffnungen betrogen, haben letztendlich nur gezeigt, wie schlecht Demokratie auch verstanden werden kann. Rücksichtslosigkeit den Mitmenschen gegenüber, das Verschaukeln großer Bevölkerungsteile, das egoistische, brutale Auslesesystem der Wirtschaft, das alles wird jetzt die Bevölkerung der DDR in seiner gnadenlosen Ausgestaltung kennenlernen.
Mitleid haben die Parteien mit dem "christlich" im Namen ja sowieso schon seit längerer Zeit aus dem Programm gestrichen. Nicht aus dem Parteiprogramm, sondern aus ihrem emotionalen Programm.
Demgegenüber stand der Besuch der AStA-Delegation in Karl-Marx-Stadt im Januar unter einem anderen Anspruch, nämlich den Bemühungen um demokratische Selbstverwaltung und Mitbestimmung so weit wie möglich Unterstützung (nicht fertige Konzepte und Bevormundung, das hatten die bereits 40 Jahre) zu geben und mit Tips und Material gemeinsam Lösungen auf Probleme zu finden. Und natürlich einmal die Stimmung im Lande wahrzunehmen.
Und das fing schon an der Grenze an, um Mitternacht. Der Grenzbeamte lief von Abteil zu Abteil, erzählte Witze, in denen Honecker alles andere als gut abschnitt und ließ gröhlende Ostler und etwas zögernd sich wundernde Westler hinter sich. Wer schon einmal vor der friedlichen Revolution die DDR besucht hat, der weiß, wie kalt und unfreundlich es sonst an der Grenze zuging.
Die Stimmung in den Zügen war vorher bedrückend gewesen, nun atmet das ganze Land frei. Es war deutlich zu erleben, daß der Staat, der so lange die Freiheit beschränkte und die Menschen unter Druck setzte, keine Macht mehr hat. Bei der Ankunft im Studentenwohnheim war die FDJ-Heimleitung nur noch ein graues Mäuschen, wurde einfach nicht mehr ernst genommen. Wenn auch nicht ganz über die FDJ hinweggegangen werden konnte, denn noch saßen die Funktionäre auf den entscheidenden Stellen, hatten die Zimmerschlüssel usw. noch in der Hand.
Die Hochschule von Karl-Marx-Stadt ist mit unserer vergleichbar: ein häßlicher Bau und ungemütlichen Räumen. Baracken, in denen Seminarräume untergebracht sind und die typisch real existierende sozialistische Heldenbauweise, wenig gemütlich, viereckig und vergammelt. Und dann die technische Ausrüstung! Wenig geeignet, den Studierenden von hier zu imponieren. Veraltet, kaputt, geradezu antik teilweise, Museumsstücke. Ab und zu ein Lichtblick, wie z. B. die Druckerei mit ihren Maschinen, wie sie hier kaum zu finden sind.
Die StudentInnen selber wirken normal, die bahnbrechenden Änderungen ihrer Gesellschaft machen sich überhaupt nicht bemerkbar, scheinen fast an der Hochschule vorbeizugehen. Dasselbe gesellschaftliche und politische Desinteresse wie bei uns?  Vielleicht ist es auch nur das ungewohnte Gefühl, selber etwas tun zu können und die Notwendigkeit, sich etwas selbst überlegen zu müssen. Viele schrecken davor zurück, und so sind auch in Karl-Marx-Stadt nur eine Handvoll aktive dabei, eine studentische Selbstverwaltung und Mitbestimung aufzubauen. Geprägt waren die Aktivitäten während unseres Besuchs von den Auseinandersetzungen mit der sterbenden FDJ. Räume müssen ihr abgetrutzt werden, Organisationsmaterial und alle Mitbestimmungssitze in diversen Gremien. Das kostet Kraft und Zeit, denn so mir nichts die nichts läßt die FDJ nicht von ihren Pfründen. Wir hatten Gelegenheit, auch mit Funktionären der FDJ zu reden. Lustig waren die verzweifelten Versuche, das alte Systemdenken mit den neuen Vokabeln aufzumöbeln, denn manchmal ging es ganz schön daneben. Heute sind alle Funktionäre von ihren Ämtern entfernt und der Studentenrat erobert sich nach und nach die Positionen der Mitbestimmung. Auch die Professoren sind vom Wandel befallen. Der Sektionsleiter von Informationstechnologie hatte schon fast einen Korkenzieher als Hals. Wendefreudig hatte er nichts gegen einen totalen Ausverkauf der DDR-Hochschulen einzuwenden, er würde sogar begrüßen, wenn viel Geld für Forschung aus dem kapitalistischen Bruderland kommen würde. Dann würde man halt sehen müssen, was dafür den Tisch runterfällt, so seine Worte. Kein Gedanke wird verschwendet an die Möglichkeit, noch etwas besseres als unser Bildungs- und Wissenschaftssystem aufzubauen. Da sind die StudentInnen schon weiter, sie greifen einfach in die Lehre ein und zwingen praktisch die Hochschule dazu, Marxismus-Leninismus vom Lehrplan zu streichen und die sozialistische Betriebswirtschaft gleich hinterher.
Vielleicht sollten wir hier auch mal überlegen, was wir nicht wollen, was wir endlich abschaffen wollen noch vierzig Jahren Verordnung von oben. Das wär doch was!
Aber bei dem riesigen Engagement an den bundesdeutschen Hochschulen ist das wohl nicht drin. Es wird so kommen, wie Kohl es will, ein Weinpanscher aus der Pfalz [G. Rexrodt] wird sich daran machen, die Währungen zu panschen, wird den Wohlstandssüchtigen mit Glykolversprechen das Leben versüßen und sie werden erst viel zu spät die Giftwirkung zu spüren bekommen und dann trotzdem frieren. Aber dann findet sich auch einer, der kräftig einheizen wird.
Deutschtümelei statt Klassenbewußtsein? Na, denn Prost!
 

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