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Von der Wichtigkeit studentischer Selbstverwaltung

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Die Hochschulen der BRD in der heutigen Zeit sind fremdbestimmt. Politik und Wirtschaft diktieren ihre Forderungen uneingeschränkt der Wissenschaft, die sich nach den vorhandenen schmalen Töpfen strecken muß, will sie überleben. Freiheit von Wissenschaft und Lehre ist heute ein längst vergangenes Ideal, das lange schon nicht mehr existiert, wenn es überhaupt je existiert hat. Freiräume innerhalb der straff geführten Wissenschaftspolitik sind selten, eng und oft noch nicht einmal genutzt. Die Interessen der Wirtschaft sind nicht immer mit den Interessen der Wissenschaft identisch. Zu sehr wird heute auf Profit und Nützlichkeit geschaut, zu wenig treten humanitäre und aufklärerische Aspekte in den Vordergrund. Die Politik verfolgt auch Interessen, die den Wissenschaften allzuoft entgegenstehen. Wählerstimmen dürfen sich nicht auf Kosten der Bildung erkaufen lassen. Die Forderung nach Freiheit der Wissenschaften ist so alt wie diese selbst, wird so alt werden wie diese. Ein gesellschaftliches Stiefkind kann keine gerechte Behandlung erwarten. Denn eine freie und kritische Wissenschaft wird sich zuerst gegen die restriktive Gesellschaft selber wenden, danach trachten sie zu ändern oder gar abzuschaffen. Jede positive Veränderung der Gesellschaftsform in der Geschichte brachte bisher einen Aufschwung der Wissenschaften mit sich - oder war es genau umgekehrt? Auf dem Weg zu einer menschlicheren, freien und demokratischen Zukunft ist eine Belebung studentischer Interessenvertretung unerläßlich. Aber eine Bildungspolitik, die es von vornherein darauf angelegt hat, Menschen leistungsorientiert und fachidiotisch verblödet zu erziehen, führt quasi von den Kinderschuhen an zu an Demokratie desinteressierten und autoritätshörigen Untergebenen, die pflegeleicht sind und wenig Mühe machen. Den Ausschuss, chaotisierende Staatsabtrünnige, kann man mit gutem Gewissen ins kriminelle Milieu abschieben, wer nie gelernt hat über sich selbst zu bestimmen, wird es so schnell schon nicht tun. So traurig es klingen mag: Selbstbestimmung ist bei uns noch lange nicht selbstverständlich. Sie will gelernt sein, sie will auch erkämpft sein. In der Hochschule gibt es einige Gremien, die sich dazu eignen können. Doch bevor auf die verschiedenen Gremien eingegangen werden soll, ist ein Situationsbeschreibung der Kompetenzverteilung wichtig. Die Angelegenheit der Hochschule wird im wesentlichen von Gesetzen bestimmt. Das bundesweite Hochschulrahmengesetz schafft, wie schon der Name sagt, einen ziemlich engen Rahmen für die Hochschule. Landesweit wird durch das WissHG (Wissenschaftliches Hochschulgesetz) dieser Rahmen noch enger gezogen, die Handlungsfreiheit noch weiter eingeschränkt. Fast völlig zu Werkzeugen zur Spezialistenausbildung degradiert werden die Hochschulen durch den Finanzplan der Landesregierung. Garant für das Funktionieren solcher Hand-, Ohr- und Denkschellen ist der lange Arm der deutschen Bürokratie, die Hochschulverwaltung.
Dem gegenüber stehen die Vertreter von Lehre und Forschung, das Rektorat. Meist völlig überfordert mit den starren Reglementierungen von oben kämpft es einen mühseligen und desperaten Papierkrieg gegen zyklische Stellenstreichungen und Strukturpläne, die den gesellschaftlichen Wert der Wissenschaften weiter und weiter korrumpieren. Repräsentationsaufgaben in unserer publicitywirksamen Medienzeit machen ein Rektorat für die StudentInnen zunehmend unpopulär, da es häufig mit den katastrophalen Studienbedingungen identifiziert wird, als Vertreter der Obrigkeit vor Ort.
Die studentischen Gremien gliedern sich in zwei Bereiche. In jedem Fachbereich wählen die StudentInnen jährlich ihre Fachschaft. Diese setzt sich für die Interessen auf Fachbereichsebene ein. Ebenso die Vertreter im Fachbereichsrat und in den verschiedenen Ausschüssen (Prüfungsausschuá usw.). Hochschulweit gibt es die Vollversammlung, das eigentlich höchste beschlußfassende Gremium der StudentInnenschaft. Jährlich wählen sich die StudentInnen zudem ein StudentInnenparlament. Das funktioniert nach einem kombinierten Personen- und Listenwahlverfahren. Hochschulpolitische Gruppen haben sich überall gebildet, die ein breites Spektrum von Interessen und Zielvorstellung zur Wahl bieten. Das Parlament setzt  sich dann aus verschiedenen Fraktionen zusammen, es wählt jährlich ein ausführendes Organ für die StudentInnenschaft, den AStA (Allgemeiner StudentInnenausschuss). Dieser arbeitet hauptamtlich und setzt sich fast rund um die Uhr für die Interessen der StudentInnen ein.
Zur aktiven Mitgestaltung der Hochschule können alle StudentInnen beitragen. In Projektbereiche organisieren sich Arbeitsgruppen zu Kultur, einer Zeitung, Ökologie, der III.-Welt-Problematik sowie zur Ausländervertretung. Dort werden Veranstaltungen, Diskussionen, Publikationen geplant und durchgeführt.
Wichtige Gremien an der Hochschule, wie Senat und Konvent, die mit einer Beteiligung von StudentInnen und auch wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Mitarbeiter arbeiten, fallen trotz studentischer  Beteiligung fast völlig aus dem Bewußtsein der Studierenden heraus; zu wenig hört man von ihnen in den Zeitungen, zu wenig bemerkt man ihre Arbeit im alltäglichen Unibetrieb. Dabei bieten gerade diese Gremien Möglichkeiten an, zumindestens die ärgsten Mißstände zu mildern, trotz der zunehmenden  Mehrheitsverhältnisse für die Professoren.
Aber dem anerzogenen Desinteresse an der freien Selbstbestimmung fallen nicht selten auch noch die letzten demokratischen Strukturen einer Hochschule zum Opfer. Die Unüberschaubarkeit der Gremientätigkeit, die Unmenge an Material und vorausgesetztem Wissen, das man eigentlich erst nachschlagen muß, läßt fast jeden engagierten Studierenden letztendlich resignieren. "Was soll ich denn da, ich bewirke ja doch nichts", heißt die Devise gefrusteter StudentInnenvertreter. So kann nie eine menschliche Bildung im Sinne der Aufklärung erreicht werden, so wird man nur zu unfreien Mittätern  des Systems, zu unfreien Menschen, zu Opfern.
Die Gesellschaft muß nach den Bedürfnissen ihrer Mitglieder gestaltet werden, das gilt auch für die Wissenschaft, für die Hochschule. Einseitigkeit ist nie Bedürfnis von Menschen. Eine Wirtschaft, die auf Profitmaximierung und Wachstum aufgebaut ist, kann nicht die Bedürfnisse aller erfüllen. Sie braucht auf dem Arbeitsmarkt den Druck von etwa 10% Arbeitslosigkeit  (oder mehr), sie braucht eine gefügige Politik, die rückhalt- und rücksichtslos ihre Ziele verfolgt und durchsetzt und sie braucht eine Wissenschaft, die als Zuarbeiter fungieren, nie aber Kritik laut werden lassen darf. Für die Menschen sind die Folgen verheerend. Geistige Unfreiheit, seelische Probleme bis hin zu Gesundheitsschäden sind heute an der Tagesordnung. Wir werden zunehmend krank an unserer Gesellschaft, zu Krüppeln an unserer Unfähigkeit, diese Gesellschaft zu verändern. Ein Lernprozeß ist unbequem und schwierig; aber unerläßlich, will man nicht einem unkontrollierbaren Moloch zum Opfer fallen, einem System, das längst der menschlichen Kontrolle aus den Händen zu gleiten droht. Um jeden Freiraum muß mit Unerbittlichkeit gekämpft werden und er muß genutzt werden, um nicht auch die letzten Enklaven der Menschlichkeit zu verlieren. Die studentische Selbstverwaltung hat daher zwei Aufgaben: zum ersten soll sie den Studierenden ein Selbstbestimmungsrecht garantieren im Rahmen des Möglichen, zum zweiten soll sie auch ein Übfeld sein für eine demokratische und selbstbestimmte, eben für eine menschliche Zukunft. Der zweite Aspekt ist der eigentlich wichtige. Denn nur, wenn alle StudentInnen progressiv an ihrer Mitbestimmung arbeiten, lassen sich auch die demokratischen Freiräume in der Hochschule erweitern. Demokratie verfällt sofort, wenn sie nicht  gelebt wird. Das gilt auch und vielleicht gerade für die Hochschulen, sind sie doch fast wie Inseln in die Struktur der Gesellschaft und der Regionen hineingestellt. Wird Demokratie aber gelebt, so kann sie auch beständig wachsen und helfen, eine restriktive Bildungspolitik erträglicher zu machen, ja, sie sogar zu unterwandern und -laufen. Denn will nur ein Bildungspolitiker heute frei denkende, kritische und demokratisch gesonnene Wissenschaftler haben? Die Kriterien für die Hochschulabsolventen heißen doch wohl eher Leistung, Effektivität, Systemkonformität. Damit lassen sich verläßliche Mitarbeiter in Großbetrieben heranerziehen. Ob sich damit eine menschliche Zukunft gestalten läßt, wo jeder mittun darf, ist zweifelhaft. Wenn aber aus den Hochschulen Menschen herauskommen, die kritikfähig geworden sind, die phantasievoll darangehen, ihre eigene Zukunft zu gestalten, dann wird auch die Bildungspolitik nachziehen müssen, dann wird die Wissenschaft Vorreiter werden können und nicht Mitläufer bleiben müssen. Mit der Heranbildung einer fortschrittlichen Wissenschaft im Sinne einer menschlichen Zukunft wird sich auch diese entwickeln können. Dieser dialektische Prozeß kann nur weiter vorangetrieben werden, wenn wir heute unsere bescheidenen demokratischen Freiräume konsequent nutzen und ausbauen. Eine Wahlbeteiligung an den Hochschulen von um die 30% spricht nicht gerade für unsere Mitbestimmung, gerade diese "kleine" Demokratie wird selten so ernst genommen wie es nötig wäre. Aber das kann sich ja noch ändern.

(Als Flugblatt in großer Auflage verteil an der Uni/GH Paderborn sowie im Rahmen eines studentischen Austauschs an der Hochschule in Karl.Marx-Stadt, heute Chemnitz)

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