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“Der Titel macht stutzen:„Magersucht und Bewegungstherapie"? Ein großer Teil der magersüchtigen jugendlichen Mädchen hat ja gerade suchtartige Bewegungszwänge als eines ihrer Leitsymptome. Da wird zwanghaft Leistungssport betrieben oder einfach nur gestanden bei Tätigkeiten, die eigentlich im Sitzen ausgeführt werden oder es werden im Sitzen heimlich und teilweise unbewusst isometrische Übungen gemacht oder eben Kniebeugen auf der Toilette. Diese Bewegungszwänge sind teilweise schwieriger zu therapieren als das Fasten und/oder Erbrechen von Nahrung und wenn ich während meiner einjährigen Weiterbildungszeit auf der jugendpsychosomatischen Station Therapien habe scheitern sehen, dann oft wegen nicht kontrollierbarer Bewegungssüchte. Was heißt also in diesem Kontext „Bewegungstherapie"? - Der Untertitel löst das Rätsel: Es geht um Heileurythmie, die seit 30 Jahren neben der Verhaltenstherapie, der systemisch orientierten Gesprächstherapie und den äußeren Anwendungen und anderen Kunsttherapien eine ganz wesentliche vierte Säule des erfolgreichen Therapiekonzeptes an der Filderklinik darstellt.
Hier geht es darum, Bewegungen künstlerisch bewusst zu durchdringen und zu gestalten, sie um ihrer selbst willen zu genießen und sich an ihnen neu zu erleben. Es werden heileurythmische Bewegungen mit einer objektiven Eigengesetzlichkeit herausgesucht, die sich die Patientin mehr und mehr in einem rhythmischen Prozess in wahrnehmendem Üben rund und harmonisch zu Eigen macht. So kommt man weg von dem mechanischen Abspulen von Bewegungszwängen zum Zweck des Kalorienverbrauches hin zu einer innerlich belebten Bewegung um ihrer selbst willen.
Die psychosomatische Jugendstation der Filderklinik hat das Glück, mit Frau Bräuner-Gülow eine erfahrene Heileurythmistin zu haben, die kontinuierlich essgestörte Jugendliche heileurythmisch behandelt hat. Andererseits hat sie ihre Therapieziele und -methoden anhand der differenzierter gewordenen Diagnosekriterien stets weiter entwickelt und die Patientinnen systematisch begleitend zu ihrem Erleben der Heileurythmie schriftlich befragt. Das Ergebnis liegt nun in einem Buch vor, das eine unverzichtbare Schatztruhe für jeden ist, der ebenfalls heileurythmisch auf dem Gebiet der Jugendlichenmagersucht arbeiten möchte und darin viele Anknüpfungspunkte an eigene Wahrnehmungen finden wird.”

Dr. med. Till Reckert (DER MERKURSTAB       HEFT 3   J   2005)

“Gibt es nicht schon genug Bücher über Essstörungen und ganz speziell über Magersucht?
Das im Frühjahr erschienene Buch bietet immerhin in dreierlei Hinsicht etwas Neues: Zunächst wird Heileurythmie als Bewegungstherapie im Kontext zu den unterschiedlichen Formen der Magersucht als Restriktive und Binge-Eating-Purging-Anorexie nach DSM IV zugeordnet und so als entsprechender Bewegungstypus vorgestellt.
Da es in der heileurythmischen Literatur inzwischen in der Mehrzahl übergeordnete Beiträge zur Therapie gibt, wollen die Autoren mit diesem Buch sich vor allem einem Krankheitsbild zuwenden, um so konkret und ausführlich für Heileurythmisten und Ärzte eine an der Magersucht orientierte Anregung für die eigene berufliche Arbeit zu geben.
Dabei wird der therapeutischen Wirklichkeit aus Patientensicht in Form von 53 Briefen zu ihren Erfahrungen mit Heileurythmie im Text viel Rechnung getragen, wodurch das Buch für betroffene Jugendliche ebenso interessant ist. Diese Form der Darstellung ist in der offiziellen medizinisch-psychologischen Literatur nicht neu (u. a. Monika Gerlinghoff: Magersüchtig. Eine Therapeutin und Betroffene berichten) – doch findet diese Art der Darstellung leider in einschlägigen anthroposophischen Büchern bisher noch wenig Berücksichtigung.
Der Text liest sich durch die Jugendbriefe sehr lebendig, ohne dabei den sachlich-fachlichen Boden aufzugeben. Der Leser sieht sich hiermit einer gründlichen die Themen strukturiert aufgebauten und kommentierten Arbeit gegenüber. Die Darstellung wird schließlich mit einem Glossar zu den Übungen und einer reichhaltigen Literaturangabe und Anmerkungsliste abgerundet.
Die beiden Autoren fügen ein lebendiges und fundiert-recherchiertes Bild einer Krankheit zusammen, die in der Filderklinik seit 30 Jahren bei über 250 magersüchtigen Jugendlichen behandelt wird. Gisela Bräuner-Gülow hat sich seit Beginn der Filderklinik als Heileurythmistin neben vielen anderen Erkrankungen besonders diesem Krankheitsbild gewidmet; Helge Gülow ist Germanist und Heileurythmist, der in der Filderklinik, in freier Praxis und in der Waldorfschule seine therapeutischen Erfahrungen gesammelt hat.
(Übrigens ein Tipp fürs Lesen: Möchte man es sich nicht kaufen ist das Buch inzwischen bereits mit Tübingen und Münster in Universitäts- bzw. Landesbibliotheken oder auch in der Stadtbibliothek Stuttgart erhältlich. Andernorts gäbe es die Möglichkeit, es der jeweiligen regionalen Bibliothek als Buchvorschlag zu empfehlen und dann zu lesen – die Bibliotheken zeigen sich bei der rasch anwachsenden Problematik dieses Krankheitsbildes inzwischen recht offen).”

Rezension von
Angelika Jaschke. In: Berufsverband Heileurythmie e.V. Rundbrief Mai 2006. S.28.
 

“Heileurythmie - eine Freiheitsschulung

Was man heute das Wasser des Lebens nennen könnte, wäre ein Mittel gegen den Zwang, die Sachzwänge, die das Seelische umzingeln und einkesseln. Wer würde nicht einen ordentlichen Schluck von diesem Zaubertrank nehmen - nötig hätten wir ihn alle - aber damit wären wir auf der magischen Ebene der Psychopharmaka, an die wir glauben. Wir wissen, dass sie nicht heilen, sie helfen nur zu überleben. Doch wie erreicht man das Leben selbst, den Lebenswillen, wenn es soweit gekommen ist, dass er einem selbstzerstörerischen Zwang unterliegt?
Magersucht ist Selbstmord auf Raten. Betroffen von diesem Krankheitsbild sind vor allem Jugendliche, meist weiblichen Geschlechts. Seit mehr als dreißig Jahren wird die Anorexa nervosa in der anthroposophischen Filderklinik bei Stuttgart unter anderem kunsttherapeutisch durch Heileurythmie behandelt. Dazu ist nun ein bemerkenswertes Buch im Verlag Ch. Möllmann, erschienen. Magersucht und Bewegungstherapie. Ein Dialog mit betroffenen Jugendlichen von Gisela Bräuner-Gülow und Helge Gülow schließt durch seinen Dialogcharakter eine Lücke im fachwissenschaftlichen Diskurs. Im Mittelpunkt der Darstellung steht die Bewegung der an Anorexie erkrankten Patientinnen selbst, sowie ihre schriftliche Stellungnahme zu dieser speziellen Behandlungsform. Sie wurden gebeten, ihre Eindrücke und Erfahrungen möglichst konkret niederzuschreiben. Die 53 komplett abgedruckten Briefzuschriften sind an drei Leitfragen orientiert: Wie hast du Heileurythmie empfunden, welche Veränderungen hast du an dir bemerkt? - Kannst du schreiben, wie dir dabei tatsächlich zumute war? - Was hat dir bei der Heileurythmie Therapie gefallen? Was hat dir nicht gefallen?
Entstanden sind dabei wirklich ungeschönte Briefe wie der von Lilian, 13 Jahre: „In der Heileurythmie habe ich gelernt, wie wichtig eine aufrechte Haltung ist. Ich habe gelernt, selbstständig Dinge zu tun und mich nicht drum zu kümmern, ob es jetzt perfekt oder total Scheiße war. Außerdem habe ich meinen Körper wieder kennen gelernt." Oder Lydia, 19 Jahre: „Bevor ich hierher in die Filderklinik kam, hatte ich das Gefühl von Wärme und Weiblichkeit verloren und vergessen. Als Sie mir die Frage gestellt haben: ,Wo ist dein Zuhause?', war ich ratlos. Auf die Idee, dass mein Körper mein Zuhause ist, wäre ich nie gekommen. Mit jeder neuen Stunde bin ich meinem Körper und mir selber ein kleines Stück näher gekommen."
Die langjährige klinische Erfahrung der Therapeutin Gisela Bräuner-Gülow sorgt für einen gründlichen Aufbau der Darstellung. Neben einleitenden Betrachtungen zur Anorexie, folgen im Hauptteil Methodik und Didaktik der Heileurythmie, sowie Fallbeispiele und Empirie auf Grundlage ärztlicher Untersuchungsergebnisse, ehe dann die Briefe abgedruckt sind. Das Buch ist für Laien und Betroffene ebenso wie für Fachkollegen gedacht. Was es als Beitrag zur Gesundheitsdiskussion bemerkenswert macht, ist der unerhört lebendige Ton der ehemaligen Kranken, der von einem neuen Lebensgefühl jenseits des Zwanges zeugt. Freiheitszuwachs der Person, der durch eigene Arbeit im leiblichen Erfahrungsfeld als tief heilsam erlebt wird.”

Ute Hallaschka (Info3, Nr.10, Oktober 2006, S.57).

“Erfreulicherweise sind in den letzten Jahren einige neue Veröffentlichungen zum Thema „Heileurythmie“ erschienen. Die ganze Vielschichtigkeit dieser Bewegungstherapie wird darin gespiegelt, die sich seit nunmehr zirka 80 Jahren fortentwickelt hat. In vielerlei Hinsicht setzt das jetzt im Möllmann-Verlag von Gisela Bräuner-Gülow und Helge Gülow herausgebrachte Buch neue Maßstäbe.
Während die Autorin, eine langjährige erfahrene Heileurythmistin an der Filderklinik, in das Thema „Magersucht“ und in die verschiedenen heileurythmischen Übungen einführt, begleiten den Leser ausgesuchte und kommentierende Briefstellen der Patientinnen. Damit wird zu der prozesshaft verlaufenden Therapie eine weitere Wirklichkeitsebene, eben die persönliche Sicht der an Magersucht erkrankten Mädchen, sehr anschaulich eingeblendet. Über Fußnoten lassen sich diese Zitate mühelos den hinten im Buch wiedergegebenen Briefen zuordnen, so dass der vollständige Kontext tatsächlich einsehbar wird.
Erfrischend, differenziert
Für den Leser ergibt sich daraus ein Gewinn: Er vermag die Entwicklungsschritte während der Therapie im Erleben der Patientinnen mitzuverfolgen. In den insgesamt 53 Patientenbriefen zeigt sich eine erfrischend unverfälschte Jugendsprache, die sich von dem eher sachlich gehaltenen Schreibstil der beiden Autoren abhebt. Neu ist ferner, dass nicht länger von einem einheitlichen, indifferenten Krankheitsbild „Anorexie“ ausgegangen wird, sondern nach dem neuesten Stand des in der Wissenschaft üblichen „DSM IV-Manual“ nach „Restriktiver Anorexie“, „Binge-Eating/Purging-Typus“ und „Purging-Verhalten“ unterschieden wird. .
Bemerkenswert ist, dass anhand heileurythmischer Bewegung der Versuch unternommen wird, einerseits eine für den spezifischen Magersuchtstypus angemessene Bewegungsdiagnose, zum anderen auch die zutreffende heileurythmische Therapie zu entwickeln. Deutlich wird dem Leser die intensive Zusammenarbeit zwischen Therapeutin, Arzt und Patientin auf der jugendpsychosomatischen Station der Filderklinik. Aus dem ganzen Buch spricht Begeisterung, sowohl der Therapeutin an ihrer Arbeit wie auch der Patientinnen an der heileurythmischen Behandlung.
Das Buch hat einen klar gegliederten Aufbau und ist gut zu lesen. Besonders erwähnenswert ist das Glossar zu den heileurythmischen Übungen, die im Text erwähnt werden. Durch diese Beschreibung können die Bewegungsübungen auch für Unerfahrene auf diesem Gebiet nachvollziehbar werden. Ausführliche Anmerkungen und Literaturangaben runden das Buch ab und zeigen den berechtigten Anspruch der Autoren: Die Heileurythmie ist eine ernstzunehmende und erfolgreiche Therapie in der anthroposophischen Medizin.

Markus Treichler (Das Goetheanum/ Heft 47/ 18.Nov. 2005)
 

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