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Und zu Dir, Baum

Neu:

Lyrische Freundschaft zu Bäumen

Ulla Weymann: Und zu Dir, Baum, mein Blick

«Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!» schrieb der Dichter Günter Eich vor langen Jahren. Damals waren die Bäume noch nicht wie heute durch vom Menschen verursachte Umwelt-beziehungsweise Weltzerstörung in ihrer Existenz bedroht. Wieviel mehr gilt der angeführte Satz angesichts dieser Bedrohung, gerade auch in der naturfernen Großstadt. Vielfältig ist der Trost der Bäume. Er reicht von ihrer Funktion als <grüner Lunge> bis hin zu ihrer Bedeutung für das innere Leben. Bereits die alten Weisheitsschriften, wie zum Beispiel die Upanischaden und die Psalmen, wußten, daß der Baum ein Wahrbild des Menschen ist. Unzählige Dichter haben seither den von den Bäumen empfangenen Trost dichterisch zur Sprache gebracht; man denke nur an Hölderlins großartiges Gedicht <An die Eichbäume>, die «jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen» dem Dichter ein Idealbild einer zukünftigen Menschheit sind. Daß es auch in unserer Zeit immer noch Dichter gibt, welche den Bäumen Lob und Dank entgegenbringen, ist gerade in Anbetracht der eingangs erwähnten Zerstörung der Außenwelt, aber auch in Anbetracht der damit zusammenhängenden Zerstörung der seelisch-geistigen Innenwelt von ganz besonderer Bedeutung.
Ulla Weymanns neuer Gedichtband <Und zu Dir, Baum, mein Blick> (die Dichterin feierte vor kurzem ihren 85. Geburtstag) ist als zeitgemäße poetische Anregung ganz in diesem Sinne zu verstehen. Bereits der Titel verdeutlicht, daß Bäume hier als Partner, als Freunde, als wesenhaftes Gegenüber gesehen, verstanden und angesprochen werden. Die Dichterin, die ihnen mit ihrem <übenden Sinn> im Alltag durch das Jahr hindurch begegnet, ihre <Baumgebärden> liebevoll genau betrachtet und innerlich nachvollzieht, sieht sie mehr und mehr als «wunderbare hohe Geschwister», mit denen sie auf ihre ganz besondere Weise kommuniziert. Die Bäume werden ihr, wie es das Nachwort von
Sigrid Nordmar-Bellebaum deutlich hervorhebt, zu «Gesprächspartnern, ja zu Lebenspartnern», die letztlich über sich hinausweisen. Hinter dem Baum wird Wesenhaft-Geistiges spürbar, wie es das Gedicht <Baum-Engel> in der für Ulla Weymann charakteristischen zart-konkreten Weise andeutet. Die <Lebensgestalten> der Bäume antworten so in vielerlei Hinsicht auf den fragenden Blick, die lauschende Geste des Ich, treten mit ihm in ein
inniges Zwiegespräch ein und schenken ihm durch ihre Freundschaft tiefe Beglückung, die es in dankbarer Gestimmtheit zum Wesensgrund der Welterscheinungen führt: «Das Zarteste in Überzahl / ist Über-Menschen-Kraft / ist Gott-Erscheinung.»
Das Ganze vollzieht sich in einer einfach-klaren Sprache, die sich aber vor jeder Vereinfachung hütet, die Vielfalt des Wahrgenommenen und Erspürten aufs feinste exakt nachzeichnend. Tages- und jahreszeitliche Nuancen und Polaritäten der Baumwelt werden genauso präzise erfaßt wie die der dazugehörenden Vogelwelt. Aber auch die Gestimmtheiten des Ich, seine Freude, sein Schmerz (etwa in der ergreifenden <Elegie> auf den gefällten Kastanienbaum), kommen genau zur Sprache, ohne sich jedoch in den Vordergrund zu drängen. Hier herrscht eine an Goethes Alterslyrik gemahnende andachtsvolle Zurücknahme der eigenen Subjektivität vor, die dem wahrgenommenen Gegenüber stets den Vorrang einräumt, sich selbst aber in bescheidener Aufrichtigkeit bewahrt: «So lebe ich / mit jeden Blattes / Form und Schwingen / freudig.»
Diese Freudigkeit durchzieht den ganzen in vier Kapitel aufgebauten Gedichtband: <Frühlingsstimmen>, <Ins Jahr hinein>, <Waldwege> und <Baum im Licht> sind sie überschrieben. Eine innere Steigerung der <Baumbetrachtung> zeichnet sich in diesen vier Kapiteln ab. Ist der Blick am Anfang auf die benachbarten Bäume mehr nach außen gerichtet, so wendet er sich zum Schluß immer mehr zu der im Innern lebendig gewordenen Baumgestalt hin. Daß die Blickrichtung aber nie einseitig nur der Außen- oder Innenwelt gilt, sondern stets — bei aller Betonung des einen oder anderen — beide miteinbezieht, ist Grundlage der Freudigkeit dieses Schauens. Denn das Irdisch-Vergängliche ist offen für das Geistig-Unvergängliche; das Göttlich-Lebendige spricht im sinnlichen Leben, im Grünen und Fruchten, im Wachsen und Vergehen der geliebten Bäume.
Wer sich in Ulla Weymanns feines Buch vertieft, das die schönen Baumbilder von Christian Hitsch sinnvoll ergänzen, dessen Seele und dessen Geist werden in vielfacher Weise für den Trost der Bäume aufs neue sensibel und empfänglich gemacht.

Pierre Georges Pouthier

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